Dr. Marco Wedel im Interview
Dr. Marco Wedel, Moderator des RKW-Erfahrungsaustauschkreises KI und Digitalisierung, gibt im Interview Einblicke in seinen transdisziplinären Werdegang und seine Perspektive auf den digitalen Wandel. Er zeigt, warum KI und Digitalisierung weit mehr sind als ein kurzfristiger Trend und welche tiefgreifenden Veränderungen sie in Unternehmen auslösen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Organisationen diesen Wandel aktiv und verantwortungsvoll gestalten können. Dr. Wedel betont die Bedeutung von Austausch, Reflexion und gemeinschaftlichem Lernen, um Unsicherheiten zu begegnen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Der Erfahrungsaustauschkreis bietet dafür einen geschützten Raum, in dem Teilnehmende voneinander lernen, Herausforderungen offen diskutieren und konkrete Ansätze für den Umgang mit KI und Digitalisierung entwickeln können.
1. Was sollten unsere Lesenden über Ihren beruflichen Weg wissen und welcher kleine Sidetrack hat Sie unterwegs geprägt?
Mein beruflicher Weg ist von einem transdisziplinären Ansatz geprägt. Mich hat immer interessiert, wie unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche aufeinandertreffen, sich gegenseitig beeinflussen und gemeinsam Wandel hervorbringen. Dafür habe ich in verschiedensten Kontexten Erfahrung sammeln können: in der Wirtschaft, insbesondere an der Schnittstelle von Logistik, Digitalisierungsprozessen und Big Data, in der Zivilgesellschaft und im Non-Profit-Bereich mit einem Fokus auf Advocacy sowie in Wissenschaft, angewandter Forschung und Bildung.
Diese unterschiedlichen Stationen haben mir einen breiten Blick auf die verschiedenen Dimensionen gegeben, die unsere Gesellschaft prägen: wirtschaftliche Anforderungen, soziale Verantwortung, politische Aushandlungsprozesse und die Frage, wie Wissen vermittelt und Zukunft gestaltet werden kann. Ich habe dabei immer wieder beobachten können, wo Zielkonflikte entstehen, warum Kommunikation zwischen unterschiedlichen Bereichen oft schwierig ist – aber auch, wie viele gemeinsame Herausforderungen und Interessen es eigentlich gibt.
Der „Sidetrack“ ist dann vielleicht dieser Wechsel zwischen verschiedenen Kontexten. Das hat mich gelehrt, nicht nur in einzelnen Systemen zu denken, sondern Verbindungen zu sehen, Spannungen auszuhalten und Brücken zwischen Perspektiven zu bauen. Genau dieser Blick prägt meine Arbeit bis heute.
2. Wie sind Sie eigentlich zum RKW Bayern gekommen?
Ich würde sagen: durch eine sehr stimmige Mischung aus Zufall und inhaltlicher Passung. Der Kontakt zum RKW Bayern entstand über Fortbildungen, die aus dem Forschungsprojekt KIDD entwickelt wurden. Im Austausch hat sich dann ziemlich schnell gezeigt, dass es viele gemeinsame Interessen gibt – nicht nur in Bezug auf KI und Digitalisierung, sondern auch in der Frage, wie man diese Themen verständlich, praxisnah und zugleich mit einem reflektierten Blick vermittelt.
So ist die Zusammenarbeit dann organisch gewachsen: aus geteilten Interessen, einem ähnlichen Verständnis und einer gemeinsamen Vision für die Gestaltung von Transformationsprozessen.
3. Was motiviert Sie ganz persönlich, einen Erfahrungsaustauschkreis zu KI und Digitalisierung zu moderieren?
Mich motiviert vor allem die Überzeugung, dass wir miteinander sprechen, voneinander lernen und gemeinsam Verantwortung für die Gestaltung unseres europäischen KI-Ökosystems übernehmen müssen. Die Lösungen für eine vertrauenswürdige und zugleich exzellente digitale Zukunft kann man nicht einfach konsumieren – man muss sie gemeinsam gestalten. Und das beginnt nicht erst auf der großen politischen oder technologischen Bühne, sondern im Kleinen: im offenen Austausch, im gemeinsamen Lernen und in der Bereitschaft, Unsicherheiten nicht zu verstecken.
Gerade bei KI und Digitalisierung erleben wir oft, dass Situationen schwer zu überblicken sind, dass Begriffe unscharf bleiben und dass niemand schon alles verstanden hat. Aber genau darin liegt auch eine Chance: im Eingeständnis, etwas noch nicht zu wissen, im gemeinsamen Stolpern, im Reden, im Wachsen und im Erarbeiten von Lösungen. So können wir nicht nur Chancen besser nutzen, sondern auch verhindern, dass Fehler immer wieder neu gemacht werden, obwohl andere daraus längst gelernt haben.
Für mich ist das im Kern eine soziale Praxis: die volle Kompetenz des Menschseins in Gemeinschaft auszuspielen – mit Neugier, Reflexionsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Gestaltungswillen. Damit das gelingen kann, braucht es Räume, in denen genau das möglich ist. Mit dem Erfahrungsaustauschkreis wird ein solcher Rahmen geschaffen: ein Ort, an dem gemeinsames Lernen, ehrlicher Austausch und verantwortliche Gestaltung ganz konkret stattfinden können.
4. KI und Digitalisierung sind in aller Munde – aber warum sind sie aus Ihrer Sicht weit mehr als nur ein Trendthema? Welche konkreten Auswirkungen erleben Sie aktuell in Unternehmen?
Aus meiner Sicht ist völlig klar, dass eine Unternehmenskultur, die wesentlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde, in einer so dynamischen und sich rasant verändernden Welt nicht einfach unverändert Bestand haben kann. Genau deshalb sind KI und Digitalisierung weit mehr als ein Trendthema. Sie berühren nicht nur einzelne Werkzeuge oder Prozesse, sondern die grundlegende Frage, wie Unternehmen künftig arbeiten, entscheiden, kommunizieren und ihre Zukunftsfähigkeit sichern.
Dabei geht es aus meiner Sicht nicht darum, alles Bestehende vorschnell über Bord zu werfen. Im Gegenteil: Unternehmen müssen sehr genau überlegen, welche Anpassungen notwendig sind und welche Substanz unbedingt erhalten bleiben sollte. Gerade in Zeiten des Wandels wird diese Unterscheidung zentral. Es braucht einerseits Offenheit für neue Technologien, neue Arbeitsweisen und neue Formen der Zusammenarbeit, andererseits aber auch Klarheit darüber, welche Werte, welches Erfahrungswissen und welche organisationalen Stärken tragfähig bleiben.
Gleichzeitig erlebe ich in vielen Unternehmen, dass der technologische Fortschritt nicht geordnet oder strategisch eingeführt wird, sondern teilweise fast unkontrolliert in den Arbeitsalltag einbricht. Einzelne Mitarbeitende nutzen hier und da bspw. generative KI – mal offiziell erlaubt, mal in Grauzonen, manchmal auch ohne klare Regeln, gemeinsame Standards oder ausreichende Reflexion. Das mag auf den ersten Blick pragmatisch wirken, kann aber auf Dauer genau jene Strukturen untergraben, die für verantwortungsvolle Unternehmensführung zentral sind: Überblick, Verlässlichkeit, menschliche Aufsicht, Qualitätskontrolle und klare Verantwortlichkeiten.
Genau darin zeigt sich, dass KI und Digitalisierung nicht einfach zusätzliche Tools sind, sondern tief in organisationale Ordnungen eingreifen. Wenn Unternehmen diesen Wandel nicht aktiv gestalten, entsteht schnell eine Situation, in der die Nutzung der Technologie zwar bereits stattfindet, aber Governance, Kompetenzaufbau und verantwortliche Steuerung nicht Schritt halten. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht nur darin, Innovation zuzulassen, sondern sie so einzubetten, dass Vertrauen, Kontrolle und gemeinsame Handlungsfähigkeit erhalten bleiben.
Das ist der Punkt, an dem deutlich wird: Wir sprechen nicht über einen kurzfristigen Hype, sondern über einen tiefgreifenden Transformationsprozess. Unternehmen müssen ihn aktiv gestalten – technologisch, organisatorisch und kulturell.
Interesse am Erfahrungsaustauschkreis KI und Digitalisierung
Hier finden Sie alle Informationen und Termine.
- © Rawpixel.com / Fotolia – Fotolia_158932856_Rawpixel.com.jpg
- © Dr. Marco Wedel / Privat/Non-kommerziell – Wedel_Marco.jpg